Die Ausstellung der amerikanischen Fotografin Donna Gottschalk und der französischen Schriftstellerin Hélène Giannecchini, zusammen mit den Finalisten des Deutsche Börse Photography Foundation Prize, vereint eine Reihe von Bildern, die gleichzeitig wütend machen, verwirren und tief berühren.
Als Donna Gottschalk ihrer Mutter erzählte, dass sie lesbisch sei, sagte diese zu ihr: „Du hast dir einen schwierigen Weg ausgesucht.“ Es waren die 1960er Jahre in New York, und Homosexualität war noch immer illegal.
In einem Video, das ihre Ausstellung „We Others“ begleitet, erinnert sich die Fotografin daran, dass es damals „keine glücklichen Schwulen gab“.

Die Ausstellung beginnt mit einem Foto ihrer Mutter in deren Schönheitssalon in Alphabet City, einem damals für seine Kriminalität berüchtigten Viertel. Die Fotografien werden von Texten Giannecchinis begleitet, in denen die Autorin ihre Erinnerungen an die dargestellten Personen und Ereignisse zusammenfasst.
Gottschalk nahm mit 17 Jahren zum ersten Mal eine Kamera in die Hand. Ihre Fotografien zeigen nicht nur das Leben der lesbischen Community in den 1960er und 1970er Jahren, sondern auch ihren eigenen persönlichen Prozess der Selbstfindung, als sie sich in der Gay Liberation Front-Bewegung engagierte.
Viele der Fotografien handeln von der Familie. Eine der ergreifendsten zeigt ihre Schwester Myla, gerade einmal elf Jahre alt, schlafend im Bett der Familienwohnung – ein Moment der Ruhe und Unschuld. Die Veränderungen in Mylas Leben spiegeln im Laufe der Jahre auch den eigenen Lebensweg der Fotografin wider.

Auf einem späteren Foto wirkt Myla 16 Jahre alt, halbnackt, verlegen und etwas beschämt über ihre Schönheit. Doch ein anderes Bild aus dem Jahr 1979 unterbricht diese Ruhe: Ihr Gesicht nach einem brutalen homophoben Angriff mit einem Golfschläger, ihre Augenlider geschwollen und schwarz. Das Foto – auf ihren Wunsch hin aufgenommen – vermittelt Wut und Widerstand.
Fast zwei Jahrzehnte später zeigt ein weiteres Foto Myla in der Wohnung ihrer Mutter, wo sie sich nun im Prozess der Geschlechtsangleichung befindet – ruhig und glücklich. Die Erzählung der Ausstellung endet 2013 mit einem Porträt, das sie schließlich in ihrer vollen Identität zeigt.
In Gottschalks Fotografien verschmelzen Privatleben und Politik oft miteinander. Eines der bekanntesten Bilder zeigt ein Paar, in eine Decke gehüllt auf einem Bett in einer heruntergekommenen Wohnung. Darüber hängt ein Plakat einer feministischen Konferenz mit der Aufschrift: „Lesben vereinigt euch!“ Das Plakat hatte die Fotografin selbst vor der Aufnahme angebracht – eine für die damalige Zeit einfache, aber radikale Geste.
Ihre Ausstellung knüpft nahtlos an die Finalistenausstellung des Deutsche Börse Preises an, die in diesem Jahr erstmals ausschließlich Künstlerinnen und nicht-binäre Künstler*innen auswählte. In diesen Werken werden marginalisierte Körper zwar weiterhin als bedroht dargestellt, doch die Kamera wird zum Instrument der Solidarität und des Aktivismus.
Einer der Künstler ist René Matić, der seine neue queere Community dokumentiert. Seine Installation „Feelings Wheel“ verwendet intime Fotografien von Freunden und Familie, die auf Glasstrukturen angeordnet sind, sodass sich die Bilder überlappen und miteinander interagieren. Dieses Material dient als Metapher für eine fragile, aber dennoch widerstandsfähige Gemeinschaft.
In einem anderen Raum lassen Jane Evelyn Atwoods Dokumentarfotografien die Besucher in die düstere Realität von Frauengefängnissen in den 1990er-Jahren eintauchen. Zehn Jahre lang besuchte sie 40 Gefängnisse in neun Ländern. Ihre Fotografien zeigen unmenschliche Bedingungen, physischen und psychischen Missbrauch sowie die Schicksale von Frauen, die oft wegen nicht-gewalttätiger Delikte oder aufgrund gewalttätiger Beziehungen im Gefängnis landeten. Eines der eindrücklichsten Bilder zeigt die leeren Zellen der Todeskandidatinnen in einem Hochsicherheitsgefängnis in Nashville, wo zwei von Häftlingen genähte Banner an der Wand hängen: „HILFE“ und „FREI“.

Im Gegensatz zu dieser bedrückenden Atmosphäre präsentiert die polnische Künstlerin Weronika Gęsicka ein spielerischeres, aber dennoch verstörendes Projekt. In ihrer Serie „Encyclopaedia“ verwendet sie Stockfotos und künstliche Intelligenz, um Bilder zu schaffen, die erfundene „Fakten“ und falsche Definitionen illustrieren und so die Art und Weise, wie Informationen produziert und verbreitet werden, infrage stellen. Ihre Werke warnen vor einer Zukunft, in der es zunehmend schwieriger wird, zwischen Realität und Fälschung zu unterscheiden.
Die Ausstellung schließt mit den poetischen Arbeiten der im Exil lebenden iranischen Künstlerin Amak Mahmoodian. Ihr Multimedia-Projekt „Einhundertzwanzig Minuten“ entstand in Zusammenarbeit mit 16 weiteren Exilanten. Mahmoodian hielt deren wiederkehrende Träume fest und verarbeitete sie zu Fotografien, Videos und Gedichten. Motive wie Fenster, Spiegel, weiße Gestalten oder Schlangen erzeugen eine verträumte und melancholische Atmosphäre.
Ihre Werke thematisieren nicht direkt das Trauma des Exils, sondern die universelle menschliche Fähigkeit zu träumen, zu hoffen und Erinnerungen an die Heimat zu bewahren, selbst in der Ferne. Inmitten all der Spannungen und des Schmerzes, die die Ausstellung vermittelt, birgt sie eine stille Botschaft des Trostes: Manche Dinge – Erinnerungen, Träume und Hoffnungen – können uns niemals genommen werden. /GazetaExpress/