Ein 17-jähriges Mädchen hat Wissenschaftler mit einer extrem seltenen Gedächtnisfähigkeit verblüfft, die so ausgeprägt ist, dass sie einer Art „Zeitreise“ ähnelt.
In einer wissenschaftlichen Studie lediglich als „TL“ bezeichnet, kann sie jeden Tag ihres Lebens mental und mit unglaublicher Detailgenauigkeit wiedererleben, wie einen hochauflösenden Film. Ebenso beeindruckend ist ihre Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen, die sie als eine Art „Trailer“ möglicher Ereignisse beschreibt.
Forscher der Universität Paris berichten, dass TL an Hyperthymesia leidet, auch bekannt als hochgradig gesteigertes autobiographisches Gedächtnis (HSAM) – ein sehr seltener Zustand, bei dem Erinnerungen mit der Zeit nicht verblassen, sondern lebendig und sofort abrufbar bleiben.
In ihren Beschreibungen zeigt TL ein inneres „Archiv“ des Geistes: einen leeren Raum, organisiert wie ein Ablagesystem, in dem Erinnerungen nach Themen wie Familie, Urlaub oder persönlichen Dokumenten unterteilt sind. Selbst die Gegenstände in dieser mentalen Welt sind nach den Personen benannt, die sie ihnen gegeben haben.
Sie kann sich an Ereignisse aus ihrer eigenen Perspektive erinnern oder sie von außen als Beobachterin betrachten und dabei die gleiche emotionale Intensität beibehalten wie im realen Moment.
Wissenschaftler betonen, dass dieses Gedächtnis hauptsächlich mit dem persönlichen Leben und nicht mit allgemeinen Fakten zusammenhängt. Alltägliche Informationen werden ihrer Ansicht nach in einem eher praktischen „dunklen Gedächtnis“ gespeichert, während persönliche Erlebnisse äußerst lebendig bleiben. Auch die Zukunft erscheint für TL ebenso klar, allerdings eher als mögliche Szenarien denn als sichere Vorhersagen.
Forscher beschreiben ihren Fall als eines der ersten dokumentierten Beispiele für „mentale Zeitreisen“, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft betreffen. Sie sagen, dies könne dazu beitragen, den Zusammenhang zwischen Erinnerung, Vorstellungskraft und Identität besser zu verstehen.
Die Neurologin Valentina La Corte erklärt, dass die ungewöhnliche Aktivität mit spezifischen Hirnnetzwerken zusammenhängt, die an Reflexion und Gedächtnis beteiligt sind und bei Personen mit dieser Erkrankung stärker miteinander vernetzt sind als üblich.
Hyperthymesia ist extrem selten, und weltweit sind nur wenige Fälle bekannt. TL wurde jahrelang nicht geglaubt, da man ihm vorwarf, als Kind Geschichten erfunden zu haben.
Heute gilt ihre Studie als Chance, eine der geheimnisvollsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns zu verstehen: die Art und Weise, wie Leben in Erinnerungen umgewandelt wird, die Augenblick für Augenblick wiedererlebt werden können. /GazetaExpress/